von Wolfgang Friedl
Systemischer denken, pragmatisch handeln: Muster erkennen, Wirkung erhöhen
Irgendwann in einem Beratungsprozess fällt er fast immer, dieser Satz – leise, eher nebenbei, aber er sitzt: „Wir haben das schon so oft besprochen.“
Gemeint ist: Wir haben schon alles versucht. Und trotzdem hat sich nichts Wesentliches verändert.
Was dann folgt, ist oft die Suche nach Schuldigen – oder nach noch mehr Maßnahmen. Beides greift zu kurz. Denn das eigentliche Problem liegt selten im Handeln, sondern im ‚Sehen‘: Wer das Muster nicht erkennt, bekämpft Symptome.
Systemischer denken heißt, an dieser Stelle kurz innezuhalten. Nicht, um zu klären, wer was falsch gemacht hat, sondern um zu verstehen, was das System hervorbringt. Und dann pragmatisch zu handeln: gezielt, wirksam und mit dem Bewusstsein, wo im System ein Impuls wirklich etwas verändert.
Systemischer denken: Der Blick für das Ganze
Fritz B. Simon, einer der prägenden Vordenker der systemischen Beratung, formuliert es so:
„Nicht die Menschen bilden lebende Systeme, sondern das, was sie tun. Ihre Kommunikation ist das, was das System erhält.“
Wir neigen dazu, Probleme an Personen festzumachen:
„Dieser Mitarbeiter kommuniziert schlecht.“
„Diese Führungskraft entscheidet zu langsam.“
Oft sind es jedoch die Muster der Interaktion – Kommunikationsgewohnheiten, implizite Regeln, strukturelle Dynamiken –, die Verhalten erst erzeugen. Was an der Oberfläche als individuelles „Problem“ erscheint, ist häufig Ausdruck tiefer liegender systemischer Dynamiken. Systemischer denken heißt deshalb: den Blick vom Einzelnen auf das Ganze zu richten. Statt „Wer hat das Problem?“ lautet die Frage:
- „Welche Struktur erzeugt dieses Verhalten?“
- „Was hält dieses Muster aufrecht?“
Das ist manchmal unbequemer – aber deutlich wirkungsvoller.
Muster erkennen – Musterwirkung verstehen
Stellen Sie sich ein Mobile vor: Es hängt in einem scheinbar stabilen Gleichgewicht. Berühren Sie einen Teil, gerät das gesamte System in Bewegung und sucht sich eine neue Balance. Genau so verhalten sich Organisationen. Muster sind wiederkehrende Formen von Verhalten und Kommunikation, die stabil wirken – aber Wachstum, Innovation oder Zusammenarbeit bremsen können. Beispiele:
- eingefahrene Rollen im Team („X vermittelt immer, Y schweigt, Z explodiert“),
- typische Reaktionen in Konflikten,
- unausgesprochene Annahmen darüber, wer eigentlich entscheidet.
Diese Muster zu erkennen, ist der erste Schritt zur Veränderung.
Veränderungen von außen – neue Software, neue Führung, neue Struktur – lösen in solchen Systemen oft unerwartete Prozesse aus. Kommunikationswege verschieben sich, Loyalitäten werden neu verhandelt, Verantwortlichkeiten verschwimmen. Das ist kein „Scheitern“, sondern normales Systemverhalten. Wer es versteht, kann damit arbeiten – statt dagegen.
Muster sichtbar machen: Systemische Strukturaufstellung (SySt®)
Ein besonders wirkungsvoller Weg, solche Muster greifbar zu machen, ist die Systemische Strukturaufstellung (SySt®) – entwickelt von Insa Sparrer und Matthias Varga von Kibéd. Ich bin in diesem Verfahren ausgebildet und setze es gezielt in der Organisations- und Führungskräfteentwicklung ein.
Strukturaufstellungen machen Strukturen räumlich sichtbar. Komplexe Zusammenhänge – Rollen, Beziehungen, Ziele, Hindernisse, aber auch abstraktere Elemente wie „das, was noch fehlt“ – werden im Raum aufgestellt. So lassen sich Systeme nicht einfach „steuern“, aber deutlich besser verstehen und gestalten. Es entstehen Bilder, die mehr zeigen als jedes Protokoll.
Wichtig: Strukturaufstellungen sind kein mystisches Verfahren, sondern ein klar aufgebautes, logisch konsistentes Regelsystem – lösungsfokussiert und pragmatisch. Weg von der reinen Problemanalyse, hin zu Lösungsbildern, die im Unternehmensalltag umsetzbar sind.
Ein Beispiel:
Ein Führungsteam verfängt sich immer wieder in ähnlichen Konflikten – scheinbar über Inhalte, tatsächlich über Rollen und Zugehörigkeiten. In einer Strukturaufstellung wird sichtbar: Die Entscheidungsverantwortung ist unklar verteilt. Das Gespräch, das vorher in Schleifen verlief, bekommt eine neue Qualität. Weil das Muster nicht mehr im Verborgenen wirkt, sondern besprechbar wird.
Pragmatisch handeln: Orientierung im komplexen Alltag
Systemischer denken ohne pragmatisches Handeln bleibt intellektuell interessant, aber wirkungslos. Entscheidend ist, wie Einsichten in konkrete Schritte übersetzt werden. In meiner Arbeit – ob Strategieentwicklung, Führungskräfteentwicklung oder Coaching – bedeutet das konkret:
- Hypothesen statt Diagnosen
Wir arbeiten mit vorsichtigen Annahmen statt schnellen Urteilen. Die Frage „Was wäre, wenn dieses Verhalten eine sinnvolle Antwort auf eine Systemstruktur ist?“ öffnet Räume, die Schuldzuweisungen schließen. - Wechselwirkungen antizipieren
Interventionen werden so geplant, dass sie nicht ungewollt neue Probleme erzeugen. Wer das „Mobile“ versteht, greift bewusst ein – und hat die Folgewirkungen im Blick. - Menschen beteiligen statt nur überzeugen
Veränderung gelingt auf Augenhöhe. Wo Betroffene zu Beteiligten werden, entsteht nicht nur Akzeptanz, sondern auch Zugang zum kollektiven Wissen des Systems. - Ressourcen vor Defizite
In jedem Unternehmen steckt mehr Kompetenz, als sichtbar ist. Der Blick geht zuerst darauf, was bereits funktioniert – und wie sich diese Stärken ausbauen lassen. - Klar denken, klar fühlen, klar handeln
Zahlen, Daten, Fakten sind wichtig. Gleichzeitig hat jede Veränderung eine emotionale Seite. Beides zusammenzudenken ist kein Widerspruch, sondern der Schlüssel zu nachhaltiger Wirksamkeit.
Wirkung erhöhen: Vom Erkennen zum Ergebnis
Wer Muster versteht und gezielt beeinflusst, löst nicht nur Probleme, sondern erhöht Wirkung. Wirkung entsteht dort, wo Denken und Handeln verbunden sind – mit Bewusstsein für Beziehungen, Rollen und Dynamiken. Gerade in Transformationsprozessen, Kulturentwicklung oder Führungsfragen bietet dieser Ansatz einen Vorteil: Er adressiert Ursachen statt Symptome und schafft damit eine Basis für nachhaltige Veränderung.
Das ist der Kern meiner Arbeit – seit über 20 Jahren, von Rosenheim aus, mit Unternehmen im gesamten deutschsprachigen Raum.
Ihr Impuls für heute
Nehmen Sie sich im nächsten Meeting oder Coaching-Gespräch einen Moment Zeit, ein Muster zu identifizieren, das immer wieder wirkt – positiv oder negativ. Fragen Sie sich:
- Was hält dieses Muster aufrecht?
- Welche Wechselwirkungen stecken dahinter?
- Welchen einen pragmatischen Schritt könnte ich heute setzen, um die Wirkung zu erhöhen?
Systemischer zu denken heißt nicht, komplizierter zu denken – sondern klarer, tiefer und wirksamer.
Pragmatisch zu handeln heißt nicht, schneller zu handeln – sondern nachhaltiger und sinnvoller.
Lassen Sie uns ins Gespräch kommen – gerne beim Espresso.
Sie möchten herausfinden, welche Muster Ihr Unternehmen oder Ihre Führungsarbeit prägen und wie systemisches Denken Ihnen helfen kann, wirkungsvoller zu handeln? Dann freue ich mich auf ein erstes Gespräch – in meinem Büro in der Rosenheimer Altstadt, virtuell oder am Telefon.